Archiv für den Monat Juli 2014

Fährt der Tod im Märlitram?

santa_tram

Bildquelle: Christopher Swerin, http://www.swerin.com

Jeden Tag sterben tausende von Menschen an ebenso vielen verschiedenen Todesursachen. So ist das Leben – es endet mit dem Tod. Doch geht es um unseren eigenen Tod oder den eines geliebten Menschen, sind wir weniger pragmatisch. Kann man sich auf den Tod vorbereiten? Und wie soll das gehen?

Ich dachte immer, ich hätte mich genügend auf den Tod vorbereitet, indem ich mir die blödeste Todesursache ausdachte, an der ich sterben könnte: vom Märlitram überfahren werden. Ein guter Freund hat mir letzthin eine neue, blödeste Todesursache geschenkt: von einem Regal, vollgestopft mit Kartons, die wiederum vollgestopft mit Familienfotos sind, zermalmt und verschüttet werden.

Nun haben mir aber liebe Menschen nahegelegt, mich endlich einmal ernsthaft mit dem Thema zu befassen. Obwohl ich gesund bin und in der Mitte meines Lebens stehe, macht das durchaus Sinn. Schliesslich verhält es sich mit dem Tod wie mit dem indischen Zugverkehr: es kommt immer ein Zug, aber man weiss nie genau wann. Deshalb ist es wichtig, dass wir wenigstens gut vorbereitet sind, wenn die Reise losgeht. In dieser Hinsicht sind wir Schweizer ziemlich rückständig. Wir pendeln ein bisschen zwischen Himmel und Hölle und wünschen uns dann doch die Wiedergeburt, in der Hoffnung, dass wir wieder unseren alten Job kriegen. Ein Jihadist zum Beispiel hat schon lange sein Bett im Paradies gemacht. Er ist sogar Herr seines eigenen Todes. Und sobald er diesen eigenhändig herbeigeführt hat, füllt sich sein paradiesisches Bett mit hunderten von Jungfrauen. Das nenne ich eine gründliche Todesvorbereitung! Aus diesem Grund habe ich einen Todesvorbereitungskurs besucht. In unseren Hemnisphären ist das eine völlig gewalt- und hirnwäschefreie Angelegenheit. Der Kurs ähnelt ein bisschen dem katholischen Ehevorbereitungskurs, den ich allerdings nur vom Hörensagen kenne. Es wird viel geredet und geweint, und manchmal kommt ein Tambourin zum Einsatz.

Hier meine Eindrücke zum Todesvorbereitungskurs:

Zur Einleitung wurde über Religion und Gott gesprochen, da aber zu viele verschiedene Gottheiten vertreten waren, ging man schnell zu allgemeingültigen Lebensweisheiten über. Um die Weisheiten zu vertiefen und zu verinnerlichen, wurden Gruppen gebildet. Da gab es zum Beispiel die Gruppe mit der Lebensweisheit: „Lebe jeden Tag so, als wäre es der Letzte“. Meiner Meinung nach ein selten doofer Spruch. Wie soll man sich das vorstellen? Jeden Tag in dem Bewusstsein aufwachen, dass dies der letzte Tag ist, den ganzen Tag heulen, verzweifelten Sex haben, der „das letzte Mal“ genauso wenig Spass macht, wie „das erste Mal“, sich von den Liebsten für immer verabschieden, geschmacklose Luxusgüter kaufen und sie in den See werfen, der Völlerei frönen, ein paar Flaschen Château Petrûs trinken um dann besoffen und starr vor Angst der Mitternacht entgegensehen. Und das jeden Tag immer und immer wieder? Mein Budget wäre schon nach einem Tag aufgebraucht, ganz zu schweigen von den Nerven meiner Liebsten. Da lebe ich doch lieber jeden Tag so, als gäbe es noch einen nächsten. Deshalb liess ich mich in die „Das Glas ist halb voll/halb leer“– Gruppe einteilen. Diese Weisheit war mir auf Anhieb sympathisch: egal, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, es hat auf jeden Fall noch Platz darin für mehr Wein!

Dann kam die Bucket List dran. Die Liste, die all das beinhaltet, was man vor dem Tod unbedingt noch gemacht haben will. Für mich war das eine prima Gelegenheit, den Château Petrûs unterzubringen. Und ein Fläschchen Château Margaux. Und noch ein Kistchen von dem Meursault, den wir an der Hochzeit getrunken hatten, Bier haben wir auch keines mehr, Milch sollten wir noch haben, vielleicht noch ein paar Tomaten, frisches Brot…

Der letzte Teil beinhaltete viel Trauerarbeit, die zum Ziel hatte, sich schon jetzt emotional vom Leben zu verabschieden, damit man besser loslassen konnte, wenn es dann tatsächlich soweit wäre. Es wurde viel geweint und gehadert. Um diesen Prozess abzuschliessen, musste man ihn auch noch physisch durchleben. Als erstes sollten wir all unsere irdischen, materiellen Güter ablegen und Wertsachen verschenken – idealerweise der Kursleitung. Dann sollten wir in Unterwäsche und rückwärts durch eine Röhre robben, was die Umkehr des Weges durch den Geburtskanal symbolisieren sollte. Da die Röhre jedoch hellblau und von Ikea war, und am Ende der Röhre weder eine Gebärmutter noch ein warmes Licht auf uns wartete, ging die Sache für mich nicht auf. Ausserdem trug ich ausgeleierte Unterwäsche mit dem Werbeslogan „fit for fun“ drauf. Deshalb verliess ich den Kurs vorzeitig und pfiff auf das Todesvorbereitungskurs-Zertifikat. Zu Hause genehmigte ich mir ein Bier und schaute mit meinen Kindern auf dem Sofa KiKa. Wahrscheinlich die effektivere Art der Todesvorbereitung.

An die lieben Menschen, die mir nahegelegt haben, mich mit dem Tod zu befassen: Der Tod kommt sowieso, ob wir darauf vorbereitet sind oder nicht. Bis es soweit ist:

Always Look on the Bright Side of Life

http://www.youtube.com/watch?v=WlBiLNN1NhQ

Aus „Life Of Brian“ von Monty Python

 

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