Archiv für den Monat August 2014

Weshalb deine Mutter nie deine beste Freundin sein kann

Eine total subjektive und unvollständige Liste:

  • Mit deiner Mutter über die körperlichen Zeichen des Älterwerdens zu jammern, ist in etwa das gleiche, wie mit einem Tetraplegiker über Muskelkater zu reden: es ist gemein. Steht sie jedoch über der Tatsache, dass Schönheit in ihrem Alter grösstenteils von innen kommt, wird sie sich vollkommen ehrlich über deine Cellulite, deine Falten und deine hängenden Brüste äussern. Das kommt dann hammermässig fies und eifersüchtig rüber.
  • Du wirst im besten Fall nur einmal mit deiner Mutter über Sex reden können: bei der Aufklärung. Nie wirst du ihr kichernd über den krummen Riesenpenis von letzter Nacht berichten können. Nie von den peinlichsten Momenten und den wildesten Fantasien. Sie will das nicht hören. Genauso wie du nicht wissen willst, wie sich dein Vater im Bett anstellt oder mit wem er gerade betrogen wird.
  • Deine Mutter ist lieber mit Frauen ihres Alters, ihrer Reife und ihres Interessenkreises eng befreundet, als mit dir.
  • Deine Mutter wird Zeit ihres Lebens versuchen, dich zu erziehen. Wenn du also Scheisse baust, wird sie dich tadeln. Wenn du irgend etwas Unwichtiges gut gemacht hast, wird sie unglaublich stolz auf dich sein. Eine angemessene Reaktion auf dein Handeln kannst du vergessen.
  • Wenn du ein Arschloch heiratest, verlierst du auf einen Schlag alle deine besten Freundinnen. Deine Mutter wird bleiben.
  • Wenn du deiner Mutter stundenlang von deinen Beziehungsproblemen vorjammerst, um ein bisschen abzuladen, wird sie dich beschützen wollen und dem Mann/der Frau einen Schlägertrupp hinterherschicken. Ausserdem wird sie ihm/ihr nie verzeihen, auch wenn du schon lange nicht mehr weißt, worum es eigentlich gegangen ist.
  • Deine Mutter hat als einzige das Recht, dich zu verprügeln, wenn du des Mordes angeklagt wirst. Das enthebt sie dem Status der Freundin. Sie wird jedoch deinen Unschuldsbeteuerungen glauben, auch wenn sie noch so absurd sind. Deine Mutter wird dich trotz allem im Gefängnis besuchen kommen. Als einzige.
  • Wenn es dir einmal so richtig dreckig geht, weil du alles falsch gemacht hast, alles verbockt, alles verloren, dann öffnet dir nur noch deine Mutter die Türe. Nicht weil sie deine Freundin ist und dich versteht, sondern weil sie als Mutter nicht anders kann.
  • Deine Mutter wird immer ein bisschen ein schlechtes Gewissen dir gegenüber haben, das gibt’s gratis bei der Geburt zusammen mit der Liebe. Instinktiv weisst du das und nützt es auch aus.
  • Deine Mutter ist deine Mutter ist deine Mutter ist deine Mutter (frei nach Gertrude Stein)

 

 

Ein Besuch im Märchenhotel in Braunwald kann sich lohnen. Wenn man starke Nerven hat und auf Grenzerfahrungen aus ist.

aquariumlift

Der Aquariumlift – eine nette Idee, für die, die sich unter Wasser und in kleinen, geschlossenen Räumen wohl fühlen. Bildquelle: http://www.maerchenhotel.ch

„Ferien wie im Märchen“ – was soll man darunter verstehen? Den ganzen Tag schuften und hungern, im Wald ausgesetzt werden und von kannibalischen Hexen in einem Käfig gemästet werden? Nicht ganz meine Vorstellung von entspannten Ferien. Was man sich hingegen unter einem Aufenthalt im 4-Sterne-Märchenhotel in Braunwald vorstellen kann, habe ich unterdessen herausgefunden. Auch nicht ganz meine Vorstellung von einem entspannten Aufenthalt.

Ich habe für mich und meine zwei Mädchen im Alter von 5 und 7 Jahren ein Familienzimmer mit Halbpension für CHF 350.– /Nacht gebucht. Im Preis inbegriffen sind diverse Aktivitäten für die Kinder und ein über 9 Stunden betreuter Kindergarten. Ausserdem stehen ein Gameraum, ein Kletter-Hüpfzimmer, eine stockwerkübergreifende Indoor-Rutschbahn, überhaupt überall Rutschbahnen, Spielplatz mit Tieren, Kletterwände, Innen- und Aussenpool und und und zur freien Verfügung. Den Namen „Märchenhotel“ hat sich das Hotel zugelegt, weil jeden Abend um 18 Uhr ein Märchen erzählt wird. Für Kinder wird hier alles getan, Erwachsene werden freundlich behandelt.

Die Idee, sich hier als Erwachsener eine schöne Zeit zu machen, während die Kinder sich irgendwo im Hotel austoben, scheint naheliegend, geht allerdings nur teilweise auf. Bereits zur Begrüssung erhielten die Kinder ein Glas Sirup und ich den Zimmerschlüssel mit einem riesigen Zwerg als Schlüsselanhänger und einen gespritzten (!) Prosecco. Der Weg zu unserem Zimmer führte am vollbesetzten Kinderwagenparkplatz vorbei zum Aquarium-Lift. Ein Lift, der umgeben von Aquarien mit darin lebenden Fischen ist und somit meine schlimmsten Phobien bedient: Unter Wasser zu sein UND in einem kleinen geschlossenen Raum ohne Fenster. Den Kindern zu liebe habe ich mich trotzdem überwunden und bin damit gefahren. Die erste Grenzerfahrung. Zum guten Glück war der Lift am Ende des Tages defekt.

Zimmer und Bad waren geräumig und gut ausstaffiert mit Bademänteln, FlipFlop für die Kinder, Badelatschen, grosser TV, Minibar. Dem Innendekorateur oder der Innendekorateuse sollte allerdings ein Weilchen immer aufs gleiche Auge gehauen werden zur Strafe für grausames Design. Meine Mädels fandens schön. Sie waren bereits ziemlich aufgedreht, warfen glucksend ihre Sachen in eine Ecke und rannten los, um das Hotel zu erkunden. Ich seufzte erst mal laut und warf einen Blick in die Minibar. Die war bis oben hin aufgefüllt mit Wasser und Süssgetränken, aber ein Bier suchte man darin vergebens. Also runter ins Hotel. Dort traf mich der grosse Schock. Kinder überall. Rennend, kriechend, hüpfend und vor allem: schreiend. In der Luft hing das säuerliche Parfüm von Sabber, jugendlichem Fussschweiss und Kinderfurz. Die wogende Menge wurde durch aufpassende Elternposten an den Rändern zusammengehalten, die mit Märtyrermiene Befehle schrien, die niemand hörte. Irgendwann konnte ich in der Hüpfburg meine eigenen Kinder ausmachen, die mit hochroten Köpfen auf- und abhüpften als könnten sie nicht anders. Sie schienen glücklich.

Ich war es weniger beim Betreten der Bar. Einem trostloseren Ort bin ich selten begegnet. Der Warteraum des Bahnhofs Forch ist ein kuschliger Servicetempel im Vergleich zu der personalfreien Kaltzone, die durch überlaute Radiobeschallung die Illusion von menschlicher Anwesenheit zu simulieren suchte. Sogleich wurde ich zur Abstinenzlerin. Hielt aber nicht lange.

Dann kam das Erlebnisbad mit Tarzankletterparcour und 20 Meter langer Rutsche dran. Das Wasser war wohltemperiert bei 32 – 34 Grad, alles neu renoviert und sauber – hier gab es nichts auszusetzten. Ausser bei der Rutsche, deren defekte Ampel immer auf rot stand, was in Kinderlogik übersetzt bedeutete: immer grün. Wer sich keine Beule bei der Massenkollision holte, stiess sich den Kopf während der rasanten Fahrt an der Röhre. Die Fliegengewichte wurden herumgeschleudert wie Segelbötchen im Sturm und die Schwergewichte holten sich einen brennenden Hintern. Für mich und meine Phobien bedeutete die Fahrt durch die dunkle Röhre mit fliessendem Wasser drin und Feuer am Hintern die nächste Grenzerfahrung. Für ältere Kinder ohne Phobien ist die Rutsche jedoch sicherlich ein grosser Spass.

Das Märchen um 18 Uhr wirkte wie Ritalin auf die Kinder. Um 18.15 fand das Kindernachtessen in einem separaten Kinderesssaal statt. Das sollte dazu dienen, dass die Eltern später ungestört dinieren konnten. Leider funktionierte das nur bedingt und Kindergeschrei begleitete auch das Nachtessen. Das 6-Gang-Menue, das von 18.45 bis 20.00 (!) aufgetragen wurde, war durchschnittlich bis gut. Da ich ganz alleine speiste und das auch noch in aller Ruhe tun wollte, fiel ich durch die Maschen des Hotelkonzeptes. Gleichzeitig mit dem Glas Champagner, das ich mir als Apero bestellt hatte, wollte man mir in Windeseile das ganze Nachtessen auftischen. Man war sich hier Herunterschlingen gewohnt. Die Aufforderung, angemessene Kleidung im Esssaal zu tragen, wurde nur von einer Person befolgt – von der einsamen Champagnertrinkerin in der hintersten Ecke. So stöckelte ich dann aufgehübscht zwischen resigniert gekleideten Adilettenträgern und verschmierten Kleinkindern zum Salatbuffet und war mir plötzlich bewusst, dass ich in punkto Erziehung wohl doch das eine oder andere richtig gemacht hatte. Leider hielt dieses Bewusstsein nicht sehr lange.

Im Anschluss an das Kindernachtessen begann das Kinderkino. Leider sind meine Kinder nicht sehr hart im Nehmen, was die Pädagogik von Disney Filmen anbelangt, weshalb ich sie nach einer Stunde aus dem Kinderkino evakuieren musste, weil der Horror sie übermannt hatte. Mein Nachtessen war damit beendet und wir gingen aufs Zimmer. Vor 23 Uhr schlief jedoch niemand, weil die Eindrücke einfach zu stark waren. Am nächsten Morgen waren wir alle drei unausgeschlafen und schlecht gelaunt. So schlecht gelaunt, dass ich das Morgenessen mit der künstlichen Kuh, aus deren Euter man Milch rauslassen konnte, besser nicht mehr beschreibe.

Fazit: Das Märchenhotel in Braunwald ist für die Kleinen das Grösste. Eine echte Alternative stellt allerdings ein Besuch im Alpamare dar. Schont Budget und Nerven und passt ganz ins Konzept „Spass für die ganze Familie“.

 

Sommerloch am See

Tagebuch, 7. August 2014

Ich probiere das jetzt auch mal aus. Das Schreiben im Grünen. Vor mir der Greifensee, hinter mir Kühe, die bimmeln beim Grasen. Unter mir eine Bank, über mir ein Baum, in mir die Leere. Das wars auch schon. Saure Gurken Zeit. Auf der Welt entflammt da und dort Krieg, Menschen sterben, Menschen werden geboren, die einen sind glücklich, die anderen nicht. Eine kleine Ente paddelt vorbei, ein Mann trägt ein Paddelboot herbei – so ein riesiges Hightech Teil – und reisst mir beinahe den Computer von den Knien. Aber nur beinahe. Keine Entschuldigung, keine Miene. Arschlochfresse mit Brille. Und wieder Leere. Eine alte Frau mit einer noch älteren Frau am Rollator von links. Eine alte Frau mit einer noch älteren Frau am Rollator von rechts. Zwei junge Radlerinnen von links, von rechts und ab durch die Mitte. Arschlochfresse paddelt weg, die kleine Ente kämpft sich an Land. Sie schreit nach Mutti, doch niemand antwortet. Hechtfutter. Ob ich sie retten soll? Aus dem Wasser fischen, in meine Handtasche stopfen, ihr einen Namen geben? Vielleich Rex. Dann wäre sie meine Bodyguardente und würde mich überall hin begleiten. Über das Leben oder Sterben dieser Ente entscheide nicht ich, sondern ein Furz in Begleitung eines anderen. Entwichen ist er einem Kleinkindfudi Namens Robin. Möglicherweise war Kleinkindfudi Mia ebenfalls beteiligt. Die beiden kugeln sich vor Lachen und versuchen sich nochmals im Furzen, ihre kleinen Gesichtchen laufen ganz rot an, so fest drücken sie. Dann läuft der Spass aus dem Ruder und in die Hose. Ich bin dann mal weg und überlasse die Kampfente Rex ihrem Schicksal.

Eine neue Bank, dieselbe Leere. Spatzen tummeln sich auf dem Platz vor dem Grill und picken an Zigarettenstummel rum. Ansonsten ist der Platz sauber. Kein stehengelassenes Zelt, kein Schlamm, keine Bierdosen, keine gebrauchten Kondome. Einfach nur ein sauberer, kleiner Platz an einem sauberen, kleinen See in der sauberen, kleinen Schweiz. Ich würde gerne sagen, ich habe an so einem Platz meine Unschuld verloren, an einem schwülfeuchten Sommerabend, verstochen von Mücken und betrunken von süssem Wein und der Musik von Cat Stevens. Ist aber nicht so, deshalb ergibt sich auch daraus keine Geschichte. Ein älterer Mann mit Fahrrad und lächerlichen Radlerhosen setzt sich auf meine Bank und kramt eine Zeitung aus der Tasche seines angelehnten Fahrrads. Ich schaue ihn strafend an. Arschlochfresse mit Brille schleift im Hintergrund sein Paddelboot aus dem See und erschlägt dabei beinahe Robin und Mia. Aber nur beinahe.

Ein junges Paar von links, gefolgt von einer Gruppe Wandervögeln, zwei Frauen der Gruppe schieben Rollatoren vor sich her. Ich denke, ein Kinderwagen, so ein Jogger mit grossen Rädern, würde den Zweck genauso gut, wenn nicht besser erfüllen und erst noch das Image aufpolieren. Lieber rüstige Grossmutter als gehbehinderte Alte. Sicherlich wäre er sogar noch günstiger, als so ein medizinisch geprüftes Teil aus der Gerontologie. Aber wahrscheinlich ist das zynisch. Kinderwagen gehören den jungen Müttern und ihren Babys und Rollatoren den alten Menschen. Genauso wie der See. Er gehört den Enten, den Paddlern und den furzenden Kleinkindern. Aber sicher nicht einer mit Leere angefüllten Frau mittleren Alters und ihrem allmählich auf Niedergartemperatur aufgeheizten Laptop auf den Knien.

Ich schnüffle ein bisschen, rümpfe die Nase und werfe dem Zeitungsleser einen letzten, strafenden Blick zu, dann mache ich mich davon.