Sommerloch am See

Tagebuch, 7. August 2014

Ich probiere das jetzt auch mal aus. Das Schreiben im Grünen. Vor mir der Greifensee, hinter mir Kühe, die bimmeln beim Grasen. Unter mir eine Bank, über mir ein Baum, in mir die Leere. Das wars auch schon. Saure Gurken Zeit. Auf der Welt entflammt da und dort Krieg, Menschen sterben, Menschen werden geboren, die einen sind glücklich, die anderen nicht. Eine kleine Ente paddelt vorbei, ein Mann trägt ein Paddelboot herbei – so ein riesiges Hightech Teil – und reisst mir beinahe den Computer von den Knien. Aber nur beinahe. Keine Entschuldigung, keine Miene. Arschlochfresse mit Brille. Und wieder Leere. Eine alte Frau mit einer noch älteren Frau am Rollator von links. Eine alte Frau mit einer noch älteren Frau am Rollator von rechts. Zwei junge Radlerinnen von links, von rechts und ab durch die Mitte. Arschlochfresse paddelt weg, die kleine Ente kämpft sich an Land. Sie schreit nach Mutti, doch niemand antwortet. Hechtfutter. Ob ich sie retten soll? Aus dem Wasser fischen, in meine Handtasche stopfen, ihr einen Namen geben? Vielleich Rex. Dann wäre sie meine Bodyguardente und würde mich überall hin begleiten. Über das Leben oder Sterben dieser Ente entscheide nicht ich, sondern ein Furz in Begleitung eines anderen. Entwichen ist er einem Kleinkindfudi Namens Robin. Möglicherweise war Kleinkindfudi Mia ebenfalls beteiligt. Die beiden kugeln sich vor Lachen und versuchen sich nochmals im Furzen, ihre kleinen Gesichtchen laufen ganz rot an, so fest drücken sie. Dann läuft der Spass aus dem Ruder und in die Hose. Ich bin dann mal weg und überlasse die Kampfente Rex ihrem Schicksal.

Eine neue Bank, dieselbe Leere. Spatzen tummeln sich auf dem Platz vor dem Grill und picken an Zigarettenstummel rum. Ansonsten ist der Platz sauber. Kein stehengelassenes Zelt, kein Schlamm, keine Bierdosen, keine gebrauchten Kondome. Einfach nur ein sauberer, kleiner Platz an einem sauberen, kleinen See in der sauberen, kleinen Schweiz. Ich würde gerne sagen, ich habe an so einem Platz meine Unschuld verloren, an einem schwülfeuchten Sommerabend, verstochen von Mücken und betrunken von süssem Wein und der Musik von Cat Stevens. Ist aber nicht so, deshalb ergibt sich auch daraus keine Geschichte. Ein älterer Mann mit Fahrrad und lächerlichen Radlerhosen setzt sich auf meine Bank und kramt eine Zeitung aus der Tasche seines angelehnten Fahrrads. Ich schaue ihn strafend an. Arschlochfresse mit Brille schleift im Hintergrund sein Paddelboot aus dem See und erschlägt dabei beinahe Robin und Mia. Aber nur beinahe.

Ein junges Paar von links, gefolgt von einer Gruppe Wandervögeln, zwei Frauen der Gruppe schieben Rollatoren vor sich her. Ich denke, ein Kinderwagen, so ein Jogger mit grossen Rädern, würde den Zweck genauso gut, wenn nicht besser erfüllen und erst noch das Image aufpolieren. Lieber rüstige Grossmutter als gehbehinderte Alte. Sicherlich wäre er sogar noch günstiger, als so ein medizinisch geprüftes Teil aus der Gerontologie. Aber wahrscheinlich ist das zynisch. Kinderwagen gehören den jungen Müttern und ihren Babys und Rollatoren den alten Menschen. Genauso wie der See. Er gehört den Enten, den Paddlern und den furzenden Kleinkindern. Aber sicher nicht einer mit Leere angefüllten Frau mittleren Alters und ihrem allmählich auf Niedergartemperatur aufgeheizten Laptop auf den Knien.

Ich schnüffle ein bisschen, rümpfe die Nase und werfe dem Zeitungsleser einen letzten, strafenden Blick zu, dann mache ich mich davon.

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