Ein Besuch im Märchenhotel in Braunwald kann sich lohnen. Wenn man starke Nerven hat und auf Grenzerfahrungen aus ist.

aquariumlift

Der Aquariumlift – eine nette Idee, für die, die sich unter Wasser und in kleinen, geschlossenen Räumen wohl fühlen. Bildquelle: http://www.maerchenhotel.ch

„Ferien wie im Märchen“ – was soll man darunter verstehen? Den ganzen Tag schuften und hungern, im Wald ausgesetzt werden und von kannibalischen Hexen in einem Käfig gemästet werden? Nicht ganz meine Vorstellung von entspannten Ferien. Was man sich hingegen unter einem Aufenthalt im 4-Sterne-Märchenhotel in Braunwald vorstellen kann, habe ich unterdessen herausgefunden. Auch nicht ganz meine Vorstellung von einem entspannten Aufenthalt.

Ich habe für mich und meine zwei Mädchen im Alter von 5 und 7 Jahren ein Familienzimmer mit Halbpension für CHF 350.– /Nacht gebucht. Im Preis inbegriffen sind diverse Aktivitäten für die Kinder und ein über 9 Stunden betreuter Kindergarten. Ausserdem stehen ein Gameraum, ein Kletter-Hüpfzimmer, eine stockwerkübergreifende Indoor-Rutschbahn, überhaupt überall Rutschbahnen, Spielplatz mit Tieren, Kletterwände, Innen- und Aussenpool und und und zur freien Verfügung. Den Namen „Märchenhotel“ hat sich das Hotel zugelegt, weil jeden Abend um 18 Uhr ein Märchen erzählt wird. Für Kinder wird hier alles getan, Erwachsene werden freundlich behandelt.

Die Idee, sich hier als Erwachsener eine schöne Zeit zu machen, während die Kinder sich irgendwo im Hotel austoben, scheint naheliegend, geht allerdings nur teilweise auf. Bereits zur Begrüssung erhielten die Kinder ein Glas Sirup und ich den Zimmerschlüssel mit einem riesigen Zwerg als Schlüsselanhänger und einen gespritzten (!) Prosecco. Der Weg zu unserem Zimmer führte am vollbesetzten Kinderwagenparkplatz vorbei zum Aquarium-Lift. Ein Lift, der umgeben von Aquarien mit darin lebenden Fischen ist und somit meine schlimmsten Phobien bedient: Unter Wasser zu sein UND in einem kleinen geschlossenen Raum ohne Fenster. Den Kindern zu liebe habe ich mich trotzdem überwunden und bin damit gefahren. Die erste Grenzerfahrung. Zum guten Glück war der Lift am Ende des Tages defekt.

Zimmer und Bad waren geräumig und gut ausstaffiert mit Bademänteln, FlipFlop für die Kinder, Badelatschen, grosser TV, Minibar. Dem Innendekorateur oder der Innendekorateuse sollte allerdings ein Weilchen immer aufs gleiche Auge gehauen werden zur Strafe für grausames Design. Meine Mädels fandens schön. Sie waren bereits ziemlich aufgedreht, warfen glucksend ihre Sachen in eine Ecke und rannten los, um das Hotel zu erkunden. Ich seufzte erst mal laut und warf einen Blick in die Minibar. Die war bis oben hin aufgefüllt mit Wasser und Süssgetränken, aber ein Bier suchte man darin vergebens. Also runter ins Hotel. Dort traf mich der grosse Schock. Kinder überall. Rennend, kriechend, hüpfend und vor allem: schreiend. In der Luft hing das säuerliche Parfüm von Sabber, jugendlichem Fussschweiss und Kinderfurz. Die wogende Menge wurde durch aufpassende Elternposten an den Rändern zusammengehalten, die mit Märtyrermiene Befehle schrien, die niemand hörte. Irgendwann konnte ich in der Hüpfburg meine eigenen Kinder ausmachen, die mit hochroten Köpfen auf- und abhüpften als könnten sie nicht anders. Sie schienen glücklich.

Ich war es weniger beim Betreten der Bar. Einem trostloseren Ort bin ich selten begegnet. Der Warteraum des Bahnhofs Forch ist ein kuschliger Servicetempel im Vergleich zu der personalfreien Kaltzone, die durch überlaute Radiobeschallung die Illusion von menschlicher Anwesenheit zu simulieren suchte. Sogleich wurde ich zur Abstinenzlerin. Hielt aber nicht lange.

Dann kam das Erlebnisbad mit Tarzankletterparcour und 20 Meter langer Rutsche dran. Das Wasser war wohltemperiert bei 32 – 34 Grad, alles neu renoviert und sauber – hier gab es nichts auszusetzten. Ausser bei der Rutsche, deren defekte Ampel immer auf rot stand, was in Kinderlogik übersetzt bedeutete: immer grün. Wer sich keine Beule bei der Massenkollision holte, stiess sich den Kopf während der rasanten Fahrt an der Röhre. Die Fliegengewichte wurden herumgeschleudert wie Segelbötchen im Sturm und die Schwergewichte holten sich einen brennenden Hintern. Für mich und meine Phobien bedeutete die Fahrt durch die dunkle Röhre mit fliessendem Wasser drin und Feuer am Hintern die nächste Grenzerfahrung. Für ältere Kinder ohne Phobien ist die Rutsche jedoch sicherlich ein grosser Spass.

Das Märchen um 18 Uhr wirkte wie Ritalin auf die Kinder. Um 18.15 fand das Kindernachtessen in einem separaten Kinderesssaal statt. Das sollte dazu dienen, dass die Eltern später ungestört dinieren konnten. Leider funktionierte das nur bedingt und Kindergeschrei begleitete auch das Nachtessen. Das 6-Gang-Menue, das von 18.45 bis 20.00 (!) aufgetragen wurde, war durchschnittlich bis gut. Da ich ganz alleine speiste und das auch noch in aller Ruhe tun wollte, fiel ich durch die Maschen des Hotelkonzeptes. Gleichzeitig mit dem Glas Champagner, das ich mir als Apero bestellt hatte, wollte man mir in Windeseile das ganze Nachtessen auftischen. Man war sich hier Herunterschlingen gewohnt. Die Aufforderung, angemessene Kleidung im Esssaal zu tragen, wurde nur von einer Person befolgt – von der einsamen Champagnertrinkerin in der hintersten Ecke. So stöckelte ich dann aufgehübscht zwischen resigniert gekleideten Adilettenträgern und verschmierten Kleinkindern zum Salatbuffet und war mir plötzlich bewusst, dass ich in punkto Erziehung wohl doch das eine oder andere richtig gemacht hatte. Leider hielt dieses Bewusstsein nicht sehr lange.

Im Anschluss an das Kindernachtessen begann das Kinderkino. Leider sind meine Kinder nicht sehr hart im Nehmen, was die Pädagogik von Disney Filmen anbelangt, weshalb ich sie nach einer Stunde aus dem Kinderkino evakuieren musste, weil der Horror sie übermannt hatte. Mein Nachtessen war damit beendet und wir gingen aufs Zimmer. Vor 23 Uhr schlief jedoch niemand, weil die Eindrücke einfach zu stark waren. Am nächsten Morgen waren wir alle drei unausgeschlafen und schlecht gelaunt. So schlecht gelaunt, dass ich das Morgenessen mit der künstlichen Kuh, aus deren Euter man Milch rauslassen konnte, besser nicht mehr beschreibe.

Fazit: Das Märchenhotel in Braunwald ist für die Kleinen das Grösste. Eine echte Alternative stellt allerdings ein Besuch im Alpamare dar. Schont Budget und Nerven und passt ganz ins Konzept „Spass für die ganze Familie“.

 

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