Archiv für den Monat Januar 2015

Je suis Kollateralschaden

Kollateralschaden

Das Thema „Attentat auf Charlie Hebdo“ ist langsam durch. Die Attentäter sind tot, die Aufregung legt sich. Viele Charlies kehren wieder zu ihren eigenen Namen zurück. Doch niemand wird die Namen der Toten vergessen, denn sie waren Charlie. Oder etwa doch? Kann man etwas vergessen, das man gar nicht kennt?

Zur Erinnerung hier die Namen der Toten vom 7. Januar 2015: Bernard Maris • Jean Cabut • Georges Wolinski • Bernard Velhac • Stéphan Charbonnier • Philippe Honoré • Franck Brinsolaro • Ahmed Merabet • Elsa Cayat • Frédéric Boisseau • Michel Renaud • Mustapha Ourrad

Natürlich können wir uns diese Namen auf die Schnelle nicht merken. Nur die vier Karikaturisten nennen wir vertraulich bei ihren Künstlernamen: Cabu, Wolinksi, Tignous und Charb, als würden wir sie schon lange kennen. Auch wenn wir grad keine einzige Karikatur den Namen der Zeichner zuordnen können. Mohammed Karikaturen halt. Und auch andere. Jesus, Papst, Holland – Satire! Was das Magazin halt so macht. Oder machte, davor. Charlie Hebdo kennen wir natürlich gut und haben auch sofort nach dem Attentat die Seite von Charlie Hebdo auf facebook geliked. (Charlie Hebdo – ist das der Name des Gründers des Magazins? Schnell auf Wikipedia – ach so, ja klar – Charlie Braun und Hebdo – logisch! Hätten wir eigentlich wissen müssen.) Obwohl wir das Magazin vorher nie wirklich in Händen gehalten haben. Kriegt man das überhaupt in der Schweiz? So richtig vor Augen hatten wir es auch nie. Ist ja auch alles französisch und die Themen sind uns nicht so geläufig. Ausser natürlich die Mohammed Karikaturen. Die hatten wir schon einige Male vor Augen. Wie wir die damals beurteilt haben, fällt uns jetzt gar nicht mehr ein. Wahrscheinlich fanden wir sie toll. Vor allem die von Cabu und Charb. Und Wolinsky und Tignous und Honoré, die waren einfach – toll! Ist ja auch egal, was wir damals fanden. Menschen sind dafür gestorben! Und für die Pressefreiheit und die freie Meinungsäusserung. Für uns Journalisten, Texter, Autoren, Karikaturisten, Intellektuelle….ja, und auch für all die anderen. Wir sind direkt betroffen. Und diese Betroffenheit steht uns richtig gut. Sie bringt uns ein bisschen näher zu den Helden von Charlie Hebdo, die in der Redaktion gestorben sind. Nous sommes Charlie. Totale Identifikation. Totale Solidarität. Charlie Hebdo und sein Werk muss verteidigt werden. Es geht um unsere Freiheit. Eine Kritik an den Karikaturen, eine andere Meinung, eine unsichere Stimme – feige, unwahr und armselig! Zusammen kreischen wir die Ungläubigen nieder und klopfen uns gegenseitig auf die Schultern. Die guten Publikationen werden gelobt, die bösen Zeitungen gebrandmarkt. Im Namen der Freiheit. Je suis Charlie.

Charlie Hebdo wird weiterleben. Es wird eine neue Ausgabe geben in einer Auflage von 1’000’000. Werte bleiben erhalten. Wer in Zukunft die Mohammed-Karikaturen machen soll, ist ungewiss, sind ja alle tot. Irgendjemand wird wohl den Mut dazu aufbringen müssen, denn ohne Mohammed-Karikaturen kein siegreicher Charlie Hebdo. Der Job verspricht Ruhm, wenn auch post mortem. Vielleicht einer der Journalisten, Texter, Autoren etc, die den ganzen Mut, die ganze Wahrheit und Moral verinnerlicht haben? Kein freiwilliger Charlie mehr da? Sind alle wieder zu ihren eigenen, weniger ruhmreichen Identitäten zurückgekehrt. Ein bisschen verkatert noch, der eine oder die andere, aber wieder ganz bei sich selbst.

Die ganze Aufregung ist vorbei, schon heute. Vielleicht schauen wir noch schnell in die nächste Ausgabe des Charlie Hebdo und dann nie wieder. Vielleicht nicht mal das, denn wenn wir ganz ehrlich sind, interessiert uns Charlie Hebdo nicht. Hat er noch nie so richtig. Irgendwann klicken wir auf der Charlie Hebdo-Facebook Seite auf „gefällt mir nicht mehr“. Merkt ja keiner. Hat auch keiner gemerkt, dass uns der Tod von Bernard Maris, Jean Cabut, Georges Wolinski, Bernard Velhac, Stéphan Charbonnier, Philippe Honoré, Franck Brinsolaro, Ahmed Merabet, Elsa Cayat, Frédéric Boisseau, Michel Renaud und Mustapha Ourrad kalt gelassen hat. Genauso wie der Tod der vier Geiseln, die im Zusammenhang mit der Erschiessung der Attentäter umkamen. Wir kennen keine Namen. Einfach nur Geiseln. Keine Information ob Mann oder Frau, alt oder jung. Es ist nicht einmal bekannt, wie und durch wen sie umgekommen sind. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Jüdischer Lebensmittelladen. Wahrscheinlich Juden, die nicht für die freie Meinungsäusserung gestorben sind, sondern für Matze. Keine Projektionsfläche für Heuchler. Nur Kollateralschaden.

Je suis Kollateralschaden.

Mein erster Vorsatz im neuen Jahr: Wie Schneewittchen sein!

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Schneewittchen hat verdammt gut aussehende Stiefmütter.

Gedanken zum Jahreswechsel, Teil 1

3. Januar 2015

Zur Weihnachtszeit werden alle je verfilmten Märchen am Fernsehen gezeigt und zwar ohne Anspruch auf Qualität der Verfilmung oder pädagogischer Wert. Ich habe mir heuer praktisch alle diese Filme reingezogen, ausser „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, den haben wir schon den ganzen Sommer auf DVD angeschaut, weshalb er für mich etwas an vorweihnachtlichem Zauber eingebüsst hat. Auf Libuše Šafránkovás (Aschenbrödel) Gesicht musste ich jedoch nicht verzichten, sie taucht immer mal wieder als Prinzessin in den Filmen der DEFA Studios auf. Das kann zu Verwirrungen führen. Vor allem im Film „die kleine Meerjungrau“, wo plötzlich das Aschenbrödel auftaucht und der kleinen Meerjungfrau den Prinzen vor der Flosse wegschnappt. So richtig leid will einem die feenhaft zarte Meerjungfrau mit den riesigen Opferaugen nicht tun, auch wenn sie von Libušes jüngeren und bedeutend schöneren Schwester verkörpert wird, neben der das Aschenbrödel wie ein Bauerntrampel dasteht. Aber das Aschenbrödel ist eben eine tadellose Identifikationsfigur, was man von der kleinen Meerjungfrau nicht behaupten kann. Libuše Šafránková ist heute um die 60 und sieht immer noch genau gleich aus wie damals mit 19. Unterdessen hat sie auch durchaus ernstere Rollen gespielt und das mit Erfolg, doch alle werden in ihr immer nur das Aschenbrödel sehen.

In den Märchenpausen habe ich über das Bloggen nachgedacht. Vor gut einem Jahr habe ich meinen ersten Blog geschrieben und damit die Rolle des zynischen Miststücks gefasst. Ein Jahr und etliche Texte später frage ich mich, ob ich noch weitermachen soll. Bloggen hat doch sehr viel mit Selbstbefriedigung zu tun und zwar in der Öffentlichkeit. Es gibt viele, die bei dem Egogewixe gerne zuschauen und fleissig liken. Eine Zeit lang. Aber irgendwann wird jeder Blog mal langweilig. Jeder. Der Hund, der Party macht und zu viel konsumiert. Die Frau, die den Namen einer Tasche trägt und Rat-Schläge erteilt. Das Pony, das zu jedem Thema etwas total Sympathisches zu wiehern weiss und der Mann, der als einziger weiss, wovon er schreibt, weil er als einziger immer direkt betroffen ist. Diese Blogs erschienen mir am Anfang alle lustig, geistreich, bereichernd. Und am Ende sind es im besten Fall doch nur die unterhaltsamen Ergüsse eines einzelnen Egos aus der Sicht seiner eigenen, beschränkten Welt. Spätestens wenn das Recycling einsetzt, ist der Blog für mich gestorben.

Ich könnte jetzt sagen: bloggen ist nur ein Ventil für mich, um Druck abzubauen. Psychohygiene. Die Kommentatoren, die Trolle, die Likes und Klicks – sind mir alle Wurst. Spätestens nachdem ich mich zum fünften Mal in 20 Minuten dabei ertappe, wie ich nur mal schnell einen Blick auf die Statistik meines Blogs werfe und mir dabei innerlich die Schüsse abgehen, wenn die Zahlen nach oben schnellen, weiss ich, dass dem nicht so ist. Ich blogge nur für mein Ego. Meine eigene kleine narzisstische Persönlichkeitsstörung will genährt werden und das geht mit einem Blog besonders gut.

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat die meisten Klicks im ganzen Land.“ Obwohl die böse, eitle Königin immer eine grössere Anziehungskraft auf mich ausgeübt hat als das grenzdebile Schneewittchen, sollte ich mich wohl doch eher von der dunklen Seite der Macht abwenden und ein bisschen mehr wie Schneewittchen oder Aschenbrödel werden: mich nicht von rotbackigen Äpfeln verführen lassen, fleissig und demütig sein, jeden Spiegel meiden und mich um meine Zwerge kümmern. Ein prima Vorsatz fürs Jahr 2015.