Archiv der Kategorie: Alles in Allem

Alles Wurst!

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Bild: la grande bouffe

Tagebuch, 30. Oktober 2015

Die WHO verteufelt uns die Wurst – das Fleisch schlechthin – und droht mit Krebs. Des einen Wurst ist des anderen Bier und ich trinke Wein. Doch jetzt wird bereits wieder „zurückgekrebst“ von Seiten der Panikmacher. In Massen genossen, ist alles gut. Ob das nun besser ist, dass in Massen genossen gut ist und über die Stränge geschlagen schlecht? Für mich nicht. Ich schlage gerne und viel über die Stränge. Eigentlich die ganze Zeit. Dafür rauche ich nicht, esse wenig Fleisch und trinke nur überteuerten Rotwein, wenn ich über die Stränge schlage, gemäss WHO. Das dafür fast täglich. Ansonsten schlage ich nie. Keine Tiere, keine Kinder. Noch nicht mal meinen Mann. Ich hab mal ein Plüschtier misshandelt. Es lag halt so da und hat geglotzt und ich war wütend. Also hab ich es in eine Ecke geschleudert. Das Tier hiess „Leu“ (dt. Löwe) und war ein Wolf. Kinderkram halt. Kinder schlagen übrigens oft, auch über die Stränge und strotzen vor Gesundheit. Aber ich schweife ab. Genuss bedeutet Masshalten. Die WHO gibt genaue Richtlinien heraus. Unter der Linie ist genussreiches, langes Leben, darüber ist Missbrauch und Verderben. Zum guten Glück gibt es noch die Tante, die jeden Abend eine Flasche Roten getrunken hat und 100 Jahre alt geworden ist. Oder den Grossvater, der nichts ausgelassen hat, weder trinken, noch rauchen, noch „fressen“ und mit 77 zwar früh, aber glücklich, kugelrund und auf einen Schlag gestorben ist. Das sind unsere Rettungsinseln.

Als Kind hab ich mal einen kleinen Leib Weissbrot aufgegessen, weil er mir leid getan hat. Er wäre sonst entsorgt worden und schmeckte doch so gut. Danach trank ich eine Flasche Mineralwasser mit Kohlensäure, weil ich unglaublich durstig war nach dem ganzen trockenen Brot. Damals galt Wasser mit Kohlensäure noch als gesund, genauso wie rauchen und Alkohol trinken. Mutti schüttete mir Aromat (Glutamat-Streuwürze) über jedes Gericht und Beutelsuppe war eine wertvolle Mahlzeit. Nach dem Weissbrot und dem Wasser ging es mir zwar ein bisschen überfüllt, aber gut. Nach heutigen Erkenntnissen, habe ich mich damals vergiftet. Die Frage stellt sich nun: sind die neueren Erkenntnisse die besseren? Oder ist gut, wonach man sich gut fühlt? Alles eine Frage des Masses. Sagt die WHO. Und das Masshalten ist alles eine Frage der Disziplin und die Disziplin ist eine Frage des Charakters und wer einen schlechten Charakter hat, der schiesst alle Empfehlungen in den Wind. Oder in den Windkanal der VW-Werke, die so sauber sind wie der Ökodiesel, der Palmöl enthält, wofür die Regenwälder brennen, so auch in Nutella, wodurch unsere Kinder dick und krebsgefährdet werden – doch halt! Nutella gehört zu den Guten! Nutella (Ferrero) lässt die Wälder nachhaltig niederbrennen, die Pestizide sind biologisch und die Arbeiter kriegen Geld fürs Leben und Sterben. Das Schlechte gibt es sowieso, also lasst uns das Beste daraus machen! Kommt noch jemand mit? Nicht? Gut so!

Bei der Zigarette kommen wir alle auf einen gemeinsamen Nenner: Tod auf Raten. Früher verstand ich immer „Tod auf Ratten“, was dann wahrscheinlich so viel wie die Pest bedeutet hätte. Aber früher war sowieso alles anders. Und besser. Und sowieso. Prost.

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Mein erster Vorsatz im neuen Jahr: Wie Schneewittchen sein!

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Schneewittchen hat verdammt gut aussehende Stiefmütter.

Gedanken zum Jahreswechsel, Teil 1

3. Januar 2015

Zur Weihnachtszeit werden alle je verfilmten Märchen am Fernsehen gezeigt und zwar ohne Anspruch auf Qualität der Verfilmung oder pädagogischer Wert. Ich habe mir heuer praktisch alle diese Filme reingezogen, ausser „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, den haben wir schon den ganzen Sommer auf DVD angeschaut, weshalb er für mich etwas an vorweihnachtlichem Zauber eingebüsst hat. Auf Libuše Šafránkovás (Aschenbrödel) Gesicht musste ich jedoch nicht verzichten, sie taucht immer mal wieder als Prinzessin in den Filmen der DEFA Studios auf. Das kann zu Verwirrungen führen. Vor allem im Film „die kleine Meerjungrau“, wo plötzlich das Aschenbrödel auftaucht und der kleinen Meerjungfrau den Prinzen vor der Flosse wegschnappt. So richtig leid will einem die feenhaft zarte Meerjungfrau mit den riesigen Opferaugen nicht tun, auch wenn sie von Libušes jüngeren und bedeutend schöneren Schwester verkörpert wird, neben der das Aschenbrödel wie ein Bauerntrampel dasteht. Aber das Aschenbrödel ist eben eine tadellose Identifikationsfigur, was man von der kleinen Meerjungfrau nicht behaupten kann. Libuše Šafránková ist heute um die 60 und sieht immer noch genau gleich aus wie damals mit 19. Unterdessen hat sie auch durchaus ernstere Rollen gespielt und das mit Erfolg, doch alle werden in ihr immer nur das Aschenbrödel sehen.

In den Märchenpausen habe ich über das Bloggen nachgedacht. Vor gut einem Jahr habe ich meinen ersten Blog geschrieben und damit die Rolle des zynischen Miststücks gefasst. Ein Jahr und etliche Texte später frage ich mich, ob ich noch weitermachen soll. Bloggen hat doch sehr viel mit Selbstbefriedigung zu tun und zwar in der Öffentlichkeit. Es gibt viele, die bei dem Egogewixe gerne zuschauen und fleissig liken. Eine Zeit lang. Aber irgendwann wird jeder Blog mal langweilig. Jeder. Der Hund, der Party macht und zu viel konsumiert. Die Frau, die den Namen einer Tasche trägt und Rat-Schläge erteilt. Das Pony, das zu jedem Thema etwas total Sympathisches zu wiehern weiss und der Mann, der als einziger weiss, wovon er schreibt, weil er als einziger immer direkt betroffen ist. Diese Blogs erschienen mir am Anfang alle lustig, geistreich, bereichernd. Und am Ende sind es im besten Fall doch nur die unterhaltsamen Ergüsse eines einzelnen Egos aus der Sicht seiner eigenen, beschränkten Welt. Spätestens wenn das Recycling einsetzt, ist der Blog für mich gestorben.

Ich könnte jetzt sagen: bloggen ist nur ein Ventil für mich, um Druck abzubauen. Psychohygiene. Die Kommentatoren, die Trolle, die Likes und Klicks – sind mir alle Wurst. Spätestens nachdem ich mich zum fünften Mal in 20 Minuten dabei ertappe, wie ich nur mal schnell einen Blick auf die Statistik meines Blogs werfe und mir dabei innerlich die Schüsse abgehen, wenn die Zahlen nach oben schnellen, weiss ich, dass dem nicht so ist. Ich blogge nur für mein Ego. Meine eigene kleine narzisstische Persönlichkeitsstörung will genährt werden und das geht mit einem Blog besonders gut.

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat die meisten Klicks im ganzen Land.“ Obwohl die böse, eitle Königin immer eine grössere Anziehungskraft auf mich ausgeübt hat als das grenzdebile Schneewittchen, sollte ich mich wohl doch eher von der dunklen Seite der Macht abwenden und ein bisschen mehr wie Schneewittchen oder Aschenbrödel werden: mich nicht von rotbackigen Äpfeln verführen lassen, fleissig und demütig sein, jeden Spiegel meiden und mich um meine Zwerge kümmern. Ein prima Vorsatz fürs Jahr 2015.

Sommerloch am See

Tagebuch, 7. August 2014

Ich probiere das jetzt auch mal aus. Das Schreiben im Grünen. Vor mir der Greifensee, hinter mir Kühe, die bimmeln beim Grasen. Unter mir eine Bank, über mir ein Baum, in mir die Leere. Das wars auch schon. Saure Gurken Zeit. Auf der Welt entflammt da und dort Krieg, Menschen sterben, Menschen werden geboren, die einen sind glücklich, die anderen nicht. Eine kleine Ente paddelt vorbei, ein Mann trägt ein Paddelboot herbei – so ein riesiges Hightech Teil – und reisst mir beinahe den Computer von den Knien. Aber nur beinahe. Keine Entschuldigung, keine Miene. Arschlochfresse mit Brille. Und wieder Leere. Eine alte Frau mit einer noch älteren Frau am Rollator von links. Eine alte Frau mit einer noch älteren Frau am Rollator von rechts. Zwei junge Radlerinnen von links, von rechts und ab durch die Mitte. Arschlochfresse paddelt weg, die kleine Ente kämpft sich an Land. Sie schreit nach Mutti, doch niemand antwortet. Hechtfutter. Ob ich sie retten soll? Aus dem Wasser fischen, in meine Handtasche stopfen, ihr einen Namen geben? Vielleich Rex. Dann wäre sie meine Bodyguardente und würde mich überall hin begleiten. Über das Leben oder Sterben dieser Ente entscheide nicht ich, sondern ein Furz in Begleitung eines anderen. Entwichen ist er einem Kleinkindfudi Namens Robin. Möglicherweise war Kleinkindfudi Mia ebenfalls beteiligt. Die beiden kugeln sich vor Lachen und versuchen sich nochmals im Furzen, ihre kleinen Gesichtchen laufen ganz rot an, so fest drücken sie. Dann läuft der Spass aus dem Ruder und in die Hose. Ich bin dann mal weg und überlasse die Kampfente Rex ihrem Schicksal.

Eine neue Bank, dieselbe Leere. Spatzen tummeln sich auf dem Platz vor dem Grill und picken an Zigarettenstummel rum. Ansonsten ist der Platz sauber. Kein stehengelassenes Zelt, kein Schlamm, keine Bierdosen, keine gebrauchten Kondome. Einfach nur ein sauberer, kleiner Platz an einem sauberen, kleinen See in der sauberen, kleinen Schweiz. Ich würde gerne sagen, ich habe an so einem Platz meine Unschuld verloren, an einem schwülfeuchten Sommerabend, verstochen von Mücken und betrunken von süssem Wein und der Musik von Cat Stevens. Ist aber nicht so, deshalb ergibt sich auch daraus keine Geschichte. Ein älterer Mann mit Fahrrad und lächerlichen Radlerhosen setzt sich auf meine Bank und kramt eine Zeitung aus der Tasche seines angelehnten Fahrrads. Ich schaue ihn strafend an. Arschlochfresse mit Brille schleift im Hintergrund sein Paddelboot aus dem See und erschlägt dabei beinahe Robin und Mia. Aber nur beinahe.

Ein junges Paar von links, gefolgt von einer Gruppe Wandervögeln, zwei Frauen der Gruppe schieben Rollatoren vor sich her. Ich denke, ein Kinderwagen, so ein Jogger mit grossen Rädern, würde den Zweck genauso gut, wenn nicht besser erfüllen und erst noch das Image aufpolieren. Lieber rüstige Grossmutter als gehbehinderte Alte. Sicherlich wäre er sogar noch günstiger, als so ein medizinisch geprüftes Teil aus der Gerontologie. Aber wahrscheinlich ist das zynisch. Kinderwagen gehören den jungen Müttern und ihren Babys und Rollatoren den alten Menschen. Genauso wie der See. Er gehört den Enten, den Paddlern und den furzenden Kleinkindern. Aber sicher nicht einer mit Leere angefüllten Frau mittleren Alters und ihrem allmählich auf Niedergartemperatur aufgeheizten Laptop auf den Knien.

Ich schnüffle ein bisschen, rümpfe die Nase und werfe dem Zeitungsleser einen letzten, strafenden Blick zu, dann mache ich mich davon.