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Alles Wurst!

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Bild: la grande bouffe

Tagebuch, 30. Oktober 2015

Die WHO verteufelt uns die Wurst – das Fleisch schlechthin – und droht mit Krebs. Des einen Wurst ist des anderen Bier und ich trinke Wein. Doch jetzt wird bereits wieder „zurückgekrebst“ von Seiten der Panikmacher. In Massen genossen, ist alles gut. Ob das nun besser ist, dass in Massen genossen gut ist und über die Stränge geschlagen schlecht? Für mich nicht. Ich schlage gerne und viel über die Stränge. Eigentlich die ganze Zeit. Dafür rauche ich nicht, esse wenig Fleisch und trinke nur überteuerten Rotwein, wenn ich über die Stränge schlage, gemäss WHO. Das dafür fast täglich. Ansonsten schlage ich nie. Keine Tiere, keine Kinder. Noch nicht mal meinen Mann. Ich hab mal ein Plüschtier misshandelt. Es lag halt so da und hat geglotzt und ich war wütend. Also hab ich es in eine Ecke geschleudert. Das Tier hiess „Leu“ (dt. Löwe) und war ein Wolf. Kinderkram halt. Kinder schlagen übrigens oft, auch über die Stränge und strotzen vor Gesundheit. Aber ich schweife ab. Genuss bedeutet Masshalten. Die WHO gibt genaue Richtlinien heraus. Unter der Linie ist genussreiches, langes Leben, darüber ist Missbrauch und Verderben. Zum guten Glück gibt es noch die Tante, die jeden Abend eine Flasche Roten getrunken hat und 100 Jahre alt geworden ist. Oder den Grossvater, der nichts ausgelassen hat, weder trinken, noch rauchen, noch „fressen“ und mit 77 zwar früh, aber glücklich, kugelrund und auf einen Schlag gestorben ist. Das sind unsere Rettungsinseln.

Als Kind hab ich mal einen kleinen Leib Weissbrot aufgegessen, weil er mir leid getan hat. Er wäre sonst entsorgt worden und schmeckte doch so gut. Danach trank ich eine Flasche Mineralwasser mit Kohlensäure, weil ich unglaublich durstig war nach dem ganzen trockenen Brot. Damals galt Wasser mit Kohlensäure noch als gesund, genauso wie rauchen und Alkohol trinken. Mutti schüttete mir Aromat (Glutamat-Streuwürze) über jedes Gericht und Beutelsuppe war eine wertvolle Mahlzeit. Nach dem Weissbrot und dem Wasser ging es mir zwar ein bisschen überfüllt, aber gut. Nach heutigen Erkenntnissen, habe ich mich damals vergiftet. Die Frage stellt sich nun: sind die neueren Erkenntnisse die besseren? Oder ist gut, wonach man sich gut fühlt? Alles eine Frage des Masses. Sagt die WHO. Und das Masshalten ist alles eine Frage der Disziplin und die Disziplin ist eine Frage des Charakters und wer einen schlechten Charakter hat, der schiesst alle Empfehlungen in den Wind. Oder in den Windkanal der VW-Werke, die so sauber sind wie der Ökodiesel, der Palmöl enthält, wofür die Regenwälder brennen, so auch in Nutella, wodurch unsere Kinder dick und krebsgefährdet werden – doch halt! Nutella gehört zu den Guten! Nutella (Ferrero) lässt die Wälder nachhaltig niederbrennen, die Pestizide sind biologisch und die Arbeiter kriegen Geld fürs Leben und Sterben. Das Schlechte gibt es sowieso, also lasst uns das Beste daraus machen! Kommt noch jemand mit? Nicht? Gut so!

Bei der Zigarette kommen wir alle auf einen gemeinsamen Nenner: Tod auf Raten. Früher verstand ich immer „Tod auf Ratten“, was dann wahrscheinlich so viel wie die Pest bedeutet hätte. Aber früher war sowieso alles anders. Und besser. Und sowieso. Prost.

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Was ist eigentlich mit Dir los, Mann?

Was passiert mir dir, wenn du in die Krise kommst? Wie geht das vor sich? Von heute auf morgen, von 0 auf 100? Päng! Krise da. Oder eher schleichend und unbemerkt und dann bringt irgend etwas Unbedeutendes das Fass zum Überlaufen? Eine Erinnerung an früher – zum Beispiel beim Aufräumen?

Muss man sich das so vorstellen: Du räumst den Schreibtisch auf und findest alte Fotos, eine Platte, Erinnerungen. Du legst die Platte auf und mit den ersten Takten katapultiert dich die Musik zurück in die Zeit, als ein jeder Moment ein neuer, unbekannter war, der einem irgendwohin auf der Welt führen konnte, denn die Welt war eine einzige Reiseroute ohne Grenzen. Freundschaften waren für die Ewigkeit gemacht oder auch nur für einen Sommer. Und die Liebe…die Liebe war pure Verheissung, Herzklopfen, Abenteuer. Eine betörende Frau, mit der man Sex hatte, ein blütenfrisches Wesen, mit dem man etwas erleben konnte, ein unverbrauchtes Gefühl, das einem meistens glücklich machte. Und manchmal todtraurig. Dazwischen nichts. Die Liebe war auf keinen Fall eine Beziehung. Und schon gar keine Routine. Und dann war da noch die Zukunft. Sie war die Einladung zur gigantischsten Party deines Lebens. Und du hattest lebenslang freien Zutritt dazu. 24 Stunden, 365 Tage.

Fühlt es sich so an, wenn du an früher denkst? Und was ist dann schief gelaufen?

Du bist nie hingegangen, an die Party deines Lebens. Du hattest anderes vor. Die Karriere, das Auto, die Beziehung, das Haus. Und dann kam die Zukunft aus der Mode, niemand ging da mehr hin. Alle blieben lieber zu Hause in ihrem selbstgebauten Nest. Bei ihren schwangeren Frauen. Es würde immer wieder eine Party stattfinden, irgendwann, später. Dann kamen die Kinder und mit ihnen die Angst. Die Party war jetzt endgültig vorbei. Für immer. Und Du hattest Verpflichtungen, lebenslang, 24 Stunden, 365 Tage.

Oh je, du hast also das Gefühl, du hättest etwas verpasst. Was machst du jetzt damit?

Wenn du heute in den Spiegel schaust, dann siehst du einen alternden Mann. Irgendetwas ist geschehen in den letzten 25 Jahren, das du nicht kontrollieren konntest. Du siehst Falten und graue Haare und gelbe Zähne. Und dann ist da noch dieser Bauch, der bezeugt, dass essen und trinken zum Sex deines Alters geworden sind. Du fällst einen Entscheid. Du möchtest den Jungen wiedersehen, der immer noch in dir steckt. Es ist noch nicht zu spät! Also trimmst du dich auf jung. Du achtest auf deine Ernährung, trinkst kaum mehr Alkohol und machst Sport. Viel Sport! Es wird gebleached, gefärbt, geschnitten. Die alten Jeans passen wieder, die Lederjacke, das Motorrad – alles noch da, alles im Schuss. Du lässt dir ein Tatoo stechen – das wolltest du schon immer! Es ist ohne jede Bedeutung, aber es sieht gut aus. Du schaust wieder in den Spiegel und was du siehst, ist gar nicht so übel. Das kommt deinem inneren Jungen schon verdammt nahe!

Ist es bis hierhin in etwa so gelaufen? Fehlt noch etwas?

Dann kommt deine Frau herein und stellt sich neben dich. Sie sieht sehr gut aus – für ihr Alter. Getrimmt, gebleached und gefärbt steht sie neben dir und strahlt dich an. Du kennst sie schon eine Ewigkeit und genau so lange liebst du sie schon. Sie ist deine beste Freundin und die Mutter deiner Kinder. Mit ihr wolltest du alt werden. Doch jetzt, da du beschlossen hast, wieder jung zu sein, kannst du sie nicht gebrauchen an deiner Seite. Sie weiss es nämlich. Sie weiss alles. Dass du schon alt bist und dass du einen enormen Aufwand betrieben hast, dies zu vertuschen. Sie weiss, dass du manchmal im Bett weinst, wenn dich die Enttäuschung über dich und dein Leben übermannt. Sie weiss, dass du Schiss hast, vor dem Leben das noch vor dir liegt und dem Tod, der am Ende lauert. Sie weiss, dass du dich klein und unbedeutend und schwach fühlst. Sie weiss, dass du es verkackt hast, dein bisheriges Leben und dass du auch die andere Hälfte, die noch vor dir liegt verkacken wirst, weil du ein Versager bist. Sie weiss wahrscheinlich auch, dass sie ohne dich gut zurecht kommen wird. Sie weiss alles. Und das macht dich wahnsinnig.

Hast Du überhaupt je so weit gedacht oder hast du dich einfach nur elend gefühlt?

Da gibt es diese junge Frau. Sie weiss nichts. Sie findet dich einfach toll. Sie hört dir zu, was auch immer du sagst. Sie gibt dir Raum und Zeit so viel du willst. Alles unverbindlich und Spass und ohne Agenda. Der Sex haut dich um. Die Leidenschaft verzehrt dich. In dir erwacht der Junge zum Leben. Er beginnt zu fühlen wie damals, zu lieben wie damals. Das Leben pulsiert kraftvoll durch deine Adern und nichts ist so real, so richtig und wahr, wie dieses Gefühl. Du verlässt deine Frau, deine Kinder, dein Nest und ziehst zu deinem Jungbrunnen. Sie schmiegt sich an dich wie ein Kätzchen und schnurrt. Und plötzlich stehst du wieder auf der Gästeliste der gigantischen Party und es sieht so aus, als wäre das die zweite Chance für dich, um doch noch daran teilzunehmen. Dass du nur als ihre Begleitung auf der Gästeliste stehst, weil das nämlich ihre Party ist und nicht deine, interessiert dich nicht. Genausowenig wie der Umstand, dass ganz im Verborgenen eine neue Verpflichtung auf dich zukommt, eine Verpflichtung gegenüber dem Kätzchen. Das Kätzchen ist genauer betrachtet eine junge Frau. Mit einem eigenen jungen Leben, in das du hineingetrampelt bist. Die junge Frau hat eigene Träume, eigene Vorstellungen von der grossen Party. Und wenn du sie nicht verlieren willst, wenn du nicht wieder zurück in dein altes, verkacktes Leben möchtest, solltest du besorgt sein, dass sich ihre Wünsche erfüllen. Eine Karriere, ein Heim, eine Familie vielleicht? Zurück zum Start.

Fühlst du dich jetzt besser oder schlechter als vorher oder einfach nur anders?

Wenn nach der Party der Kater einsetzt und dir alle deine alten Knochen im Leib schmerzen, wenn du deine beste Freundin vermisst, die jetzt genau wüsste, wie du dich fühlst, die genau wüsste, was zu tun und zu sagen wäre, damit es dir wieder besser geht, wenn das Kätzchen neben dir zu kratzen beginnt, weil du nicht mehr magst, nicht mehr kannst, nicht mehr willst, dann könnte es sein, dass auch deine beste Freundin nicht mehr mag, nicht mehr kann und nicht mehr will, weil sie nämlich gelernt hat, sehr gut ohne dich zurecht zu kommen. Weil du ihr nichts zu bieten hast ausser Scherben. Und weil auch sie ein eigenes Leben und eine eigene Party zu feiern hat. Und genau in diesem Augenblick wird dir bewusst, dass du dein Leben wirklich verkackt hast. Nur hast du jetzt kaum mehr eine Wahl. Die Welt war noch nie so klein für dich. Wie du dich auch entscheidest – du bleibst alleine.

Aber aus Schlechtem geht auch oft Gutes hervor.

Vielleicht ist das ja die Chance, dich endlich mal mit dir selber zu beschäftigen. Deine Krisen und Zwänge bei dir selber zu suchen und deine Ängste anzugehen. Vielleicht wird so aus dir ja mal noch ein prächtiger älterer Herr, ein echter Freund und liebevoller Partner. Jemand, den man gerne an seiner Seite haben will, den man sogar wieder zurücknehmen will. Wer weiss.

Ich denke an meine Freundinnen, an Bekannte und Verwandte, die mir ihre Geschichten erzählt haben. Ich denke an mich, die ich glücklich verheiratet bin mit einem lieben Mann, so wie es die Freundinnen, Bekannte und Verwandte auch gewesen sind. Und mich packt die kalte Angst. Es kann jeder Frau zu jedem Zeitpunkt passieren, dass sie ein Opfer der Midlifecrisis ihres Mannes wird. Wir können nichts dafür oder dagegen machen, denn es hat im Grunde nichts mit uns zu tun, ausser dass wir die Leidtragenden sind.

Man sollte euch die Kommentarspalten wegnehmen!

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„Das hätte sie sich besser vorher überlegt!“

Die #regrettingmotherhood-Bewegung wurde in sämtlichen Medien breit diskutiert und die Beiträge heftigst kommentiert. Eigentlich habe ich mir den Vorsatz genommen, keine Kommentare mehr zu lesen, es sei denn, sie betreffen meine eigenen Artikel. Da das Thema #regrettingmotherhood aber mich selber betrifft, habe ich meinen Vorsatz gebrochen und die Kommentare zu den verschiedenen Beiträgen gelesen. Ein Fehler.

Das Kommentieren wird einem sehr einfach gemacht: ein Name und eine email-Adresse eingeben, und schon ist man dabei. Die Daten werden nicht überprüft. So kann jeder unter einem Pseudonym und mit falscher email-Adresse kommentieren – was die meisten auch tun. Und anonym lässt es sich besonders gut Dampf ablassen. Bei einem stark polarisierenden Thema wie #regrettingmotherhood, wo sich Frauen getrauen zu sagen, dass sie es bereuen, Mutter geworden zu sein, gehen die Emotionen ungebremst hoch. Ein riesiger Haufen Wut, Scham, Angst und Verunsicherung prallt mit aller Wucht auf jene, die sich in Empathie üben. Da wird beleidigt, verflucht und beschimpft. Hier ein paar der harmloseren Kommentare, die im Zusammenhang mit Artikeln über unzufriedene Müttern besonders oft fallen und an Dummheit kaum zu überbieten sind:

„Diesen Müttern sollte man die Kinder wegnehmen“.

Im Prinzip gut durchdacht! So wäre den Müttern und den Kindern geholfen! Auch die Väter hätten sicher nichts dagegen, wenn die Kinder wegkommen, wieso auch? Die Logistik macht hier allerdings Probleme: abholen, zwischenlagern, weitergeben. Leider ist die KESB im Moment gerade mit anderen Problemen ausgelastet. Und der Staat ist immer noch mit Reparationszahlungen an die ehemaligen Verdingkinder beschäftigt, weshalb er es mit der Schaffung eines neuen Falles im Moment grad nicht so eilig haben wird.

„Es gibt genügend Frauen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als Kinder zu haben und keine bekommen können.“

Was für eine raffinierte Verknüpfung zweier verschiedener Bereiche zum Thema Muttersein! Und die Lösung liegt auf der Hand: Die eine will und kann nicht, die andere hat und will nicht – also rüber mit den Kindern! Sieht nach einer win-win Situation aus, doch auch hier könnte es an der Umsetzung hapern. Pragmatische Lösungen sind gefragt. Zum Beispiel die Schaffung einer online-Vermittlung: ebaby. Darauf könnte ein Vermittlungsantrag so aussehen: „Wegen regretting motherhood abzugeben an unfruchtbare Frau: 2 Kinder, vintage Jahrgänge, top Zustand, geliebt, geimpft und entwurmt.“

„Wieso haben diese Frauen überhaupt Kinder gemacht?“

Das ist jetzt einfach. Weil Angela und Babs und Corinne auch Kinder haben und total glücklich sind damit, auch wenn sie jetzt wieder rauchen. Weil alles eine Frage der Organisation ist. Und des Geldes. Weil es zwar anstrengend ist, aber das Grösste in einem Frauenleben. Vergleichbar mit der RS bei den Männern, nur 18 Jahre länger. Weil sich jede normale Frau Kinder wünscht. Dafür ist nämlich die Gebärmutter da. Weil das Leben immer hält, was es verspricht. Und sonst kommt es dann schon gut, irgendwann. Weil Lebenspläne immer aufgehen, wenn man sie nur schön genug zeichnet. Und nicht zuletzt: weil Sex geil ist und abtreiben scheisse.

„In diesem Fall wäre lügen besser. Wie wird es diesen Kindern wohl gehen, wenn sie einmal davon erfahren…!“

Offenbar ist Kinder anlügen eine höhere Tugend, als offen zu seinen Gefühlen zu stehen. Und da Kinder dumm und gefühllos sind, werden sie auch nicht merken, dass ihnen ihre Mutter jahrelang etwas vorspielt. Hauptsache sie müssen sich nie mit der unangenehmen Wahrheit auseinandersetzen, dass ihre Mutter sie zwar geliebt hat, aber Mühe mit dem Muttersein hatte. So wird das Bild der hingebungsvollen Mutter nicht beschädigt und die Kinder können dieses edle Gut zusammen mit dem diffusen Gefühl, dass irgendetwas in ihrer Familie nicht gestimmt hat, ihren eigenen Kinder weitergeben.

„ … Wir (Männer) müssen jeden Tag von früh bis spät ins Büro arbeiten, um die Familie zu ernähren. Das ist auch nicht immer lustig! … Und dafür erhalten wir keine Liebe!“

Nun ja, mit Geld abgespiesen zu werden, kann einem schon gehörig zusetzen. Aber in diesem Fall muss ich sagen: Solchen regretting Businessmen sollte man den Job wegnehmen. Oder besser noch, man sollte solchen Männern den Lohn wegnehmen. Und sie dann für die nächsten 18 Jahre für einen unbezahlten Job ohne Aufstiegsmöglichkeiten verpflichtet – DAS ist nicht lustig!

Je suis Kollateralschaden

Kollateralschaden

Das Thema „Attentat auf Charlie Hebdo“ ist langsam durch. Die Attentäter sind tot, die Aufregung legt sich. Viele Charlies kehren wieder zu ihren eigenen Namen zurück. Doch niemand wird die Namen der Toten vergessen, denn sie waren Charlie. Oder etwa doch? Kann man etwas vergessen, das man gar nicht kennt?

Zur Erinnerung hier die Namen der Toten vom 7. Januar 2015: Bernard Maris • Jean Cabut • Georges Wolinski • Bernard Velhac • Stéphan Charbonnier • Philippe Honoré • Franck Brinsolaro • Ahmed Merabet • Elsa Cayat • Frédéric Boisseau • Michel Renaud • Mustapha Ourrad

Natürlich können wir uns diese Namen auf die Schnelle nicht merken. Nur die vier Karikaturisten nennen wir vertraulich bei ihren Künstlernamen: Cabu, Wolinksi, Tignous und Charb, als würden wir sie schon lange kennen. Auch wenn wir grad keine einzige Karikatur den Namen der Zeichner zuordnen können. Mohammed Karikaturen halt. Und auch andere. Jesus, Papst, Holland – Satire! Was das Magazin halt so macht. Oder machte, davor. Charlie Hebdo kennen wir natürlich gut und haben auch sofort nach dem Attentat die Seite von Charlie Hebdo auf facebook geliked. (Charlie Hebdo – ist das der Name des Gründers des Magazins? Schnell auf Wikipedia – ach so, ja klar – Charlie Braun und Hebdo – logisch! Hätten wir eigentlich wissen müssen.) Obwohl wir das Magazin vorher nie wirklich in Händen gehalten haben. Kriegt man das überhaupt in der Schweiz? So richtig vor Augen hatten wir es auch nie. Ist ja auch alles französisch und die Themen sind uns nicht so geläufig. Ausser natürlich die Mohammed Karikaturen. Die hatten wir schon einige Male vor Augen. Wie wir die damals beurteilt haben, fällt uns jetzt gar nicht mehr ein. Wahrscheinlich fanden wir sie toll. Vor allem die von Cabu und Charb. Und Wolinsky und Tignous und Honoré, die waren einfach – toll! Ist ja auch egal, was wir damals fanden. Menschen sind dafür gestorben! Und für die Pressefreiheit und die freie Meinungsäusserung. Für uns Journalisten, Texter, Autoren, Karikaturisten, Intellektuelle….ja, und auch für all die anderen. Wir sind direkt betroffen. Und diese Betroffenheit steht uns richtig gut. Sie bringt uns ein bisschen näher zu den Helden von Charlie Hebdo, die in der Redaktion gestorben sind. Nous sommes Charlie. Totale Identifikation. Totale Solidarität. Charlie Hebdo und sein Werk muss verteidigt werden. Es geht um unsere Freiheit. Eine Kritik an den Karikaturen, eine andere Meinung, eine unsichere Stimme – feige, unwahr und armselig! Zusammen kreischen wir die Ungläubigen nieder und klopfen uns gegenseitig auf die Schultern. Die guten Publikationen werden gelobt, die bösen Zeitungen gebrandmarkt. Im Namen der Freiheit. Je suis Charlie.

Charlie Hebdo wird weiterleben. Es wird eine neue Ausgabe geben in einer Auflage von 1’000’000. Werte bleiben erhalten. Wer in Zukunft die Mohammed-Karikaturen machen soll, ist ungewiss, sind ja alle tot. Irgendjemand wird wohl den Mut dazu aufbringen müssen, denn ohne Mohammed-Karikaturen kein siegreicher Charlie Hebdo. Der Job verspricht Ruhm, wenn auch post mortem. Vielleicht einer der Journalisten, Texter, Autoren etc, die den ganzen Mut, die ganze Wahrheit und Moral verinnerlicht haben? Kein freiwilliger Charlie mehr da? Sind alle wieder zu ihren eigenen, weniger ruhmreichen Identitäten zurückgekehrt. Ein bisschen verkatert noch, der eine oder die andere, aber wieder ganz bei sich selbst.

Die ganze Aufregung ist vorbei, schon heute. Vielleicht schauen wir noch schnell in die nächste Ausgabe des Charlie Hebdo und dann nie wieder. Vielleicht nicht mal das, denn wenn wir ganz ehrlich sind, interessiert uns Charlie Hebdo nicht. Hat er noch nie so richtig. Irgendwann klicken wir auf der Charlie Hebdo-Facebook Seite auf „gefällt mir nicht mehr“. Merkt ja keiner. Hat auch keiner gemerkt, dass uns der Tod von Bernard Maris, Jean Cabut, Georges Wolinski, Bernard Velhac, Stéphan Charbonnier, Philippe Honoré, Franck Brinsolaro, Ahmed Merabet, Elsa Cayat, Frédéric Boisseau, Michel Renaud und Mustapha Ourrad kalt gelassen hat. Genauso wie der Tod der vier Geiseln, die im Zusammenhang mit der Erschiessung der Attentäter umkamen. Wir kennen keine Namen. Einfach nur Geiseln. Keine Information ob Mann oder Frau, alt oder jung. Es ist nicht einmal bekannt, wie und durch wen sie umgekommen sind. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Jüdischer Lebensmittelladen. Wahrscheinlich Juden, die nicht für die freie Meinungsäusserung gestorben sind, sondern für Matze. Keine Projektionsfläche für Heuchler. Nur Kollateralschaden.

Je suis Kollateralschaden.

Mein erster Vorsatz im neuen Jahr: Wie Schneewittchen sein!

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Schneewittchen hat verdammt gut aussehende Stiefmütter.

Gedanken zum Jahreswechsel, Teil 1

3. Januar 2015

Zur Weihnachtszeit werden alle je verfilmten Märchen am Fernsehen gezeigt und zwar ohne Anspruch auf Qualität der Verfilmung oder pädagogischer Wert. Ich habe mir heuer praktisch alle diese Filme reingezogen, ausser „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, den haben wir schon den ganzen Sommer auf DVD angeschaut, weshalb er für mich etwas an vorweihnachtlichem Zauber eingebüsst hat. Auf Libuše Šafránkovás (Aschenbrödel) Gesicht musste ich jedoch nicht verzichten, sie taucht immer mal wieder als Prinzessin in den Filmen der DEFA Studios auf. Das kann zu Verwirrungen führen. Vor allem im Film „die kleine Meerjungrau“, wo plötzlich das Aschenbrödel auftaucht und der kleinen Meerjungfrau den Prinzen vor der Flosse wegschnappt. So richtig leid will einem die feenhaft zarte Meerjungfrau mit den riesigen Opferaugen nicht tun, auch wenn sie von Libušes jüngeren und bedeutend schöneren Schwester verkörpert wird, neben der das Aschenbrödel wie ein Bauerntrampel dasteht. Aber das Aschenbrödel ist eben eine tadellose Identifikationsfigur, was man von der kleinen Meerjungfrau nicht behaupten kann. Libuše Šafránková ist heute um die 60 und sieht immer noch genau gleich aus wie damals mit 19. Unterdessen hat sie auch durchaus ernstere Rollen gespielt und das mit Erfolg, doch alle werden in ihr immer nur das Aschenbrödel sehen.

In den Märchenpausen habe ich über das Bloggen nachgedacht. Vor gut einem Jahr habe ich meinen ersten Blog geschrieben und damit die Rolle des zynischen Miststücks gefasst. Ein Jahr und etliche Texte später frage ich mich, ob ich noch weitermachen soll. Bloggen hat doch sehr viel mit Selbstbefriedigung zu tun und zwar in der Öffentlichkeit. Es gibt viele, die bei dem Egogewixe gerne zuschauen und fleissig liken. Eine Zeit lang. Aber irgendwann wird jeder Blog mal langweilig. Jeder. Der Hund, der Party macht und zu viel konsumiert. Die Frau, die den Namen einer Tasche trägt und Rat-Schläge erteilt. Das Pony, das zu jedem Thema etwas total Sympathisches zu wiehern weiss und der Mann, der als einziger weiss, wovon er schreibt, weil er als einziger immer direkt betroffen ist. Diese Blogs erschienen mir am Anfang alle lustig, geistreich, bereichernd. Und am Ende sind es im besten Fall doch nur die unterhaltsamen Ergüsse eines einzelnen Egos aus der Sicht seiner eigenen, beschränkten Welt. Spätestens wenn das Recycling einsetzt, ist der Blog für mich gestorben.

Ich könnte jetzt sagen: bloggen ist nur ein Ventil für mich, um Druck abzubauen. Psychohygiene. Die Kommentatoren, die Trolle, die Likes und Klicks – sind mir alle Wurst. Spätestens nachdem ich mich zum fünften Mal in 20 Minuten dabei ertappe, wie ich nur mal schnell einen Blick auf die Statistik meines Blogs werfe und mir dabei innerlich die Schüsse abgehen, wenn die Zahlen nach oben schnellen, weiss ich, dass dem nicht so ist. Ich blogge nur für mein Ego. Meine eigene kleine narzisstische Persönlichkeitsstörung will genährt werden und das geht mit einem Blog besonders gut.

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat die meisten Klicks im ganzen Land.“ Obwohl die böse, eitle Königin immer eine grössere Anziehungskraft auf mich ausgeübt hat als das grenzdebile Schneewittchen, sollte ich mich wohl doch eher von der dunklen Seite der Macht abwenden und ein bisschen mehr wie Schneewittchen oder Aschenbrödel werden: mich nicht von rotbackigen Äpfeln verführen lassen, fleissig und demütig sein, jeden Spiegel meiden und mich um meine Zwerge kümmern. Ein prima Vorsatz fürs Jahr 2015.

Weshalb deine Mutter nie deine beste Freundin sein kann

Eine total subjektive und unvollständige Liste:

  • Mit deiner Mutter über die körperlichen Zeichen des Älterwerdens zu jammern, ist in etwa das gleiche, wie mit einem Tetraplegiker über Muskelkater zu reden: es ist gemein. Steht sie jedoch über der Tatsache, dass Schönheit in ihrem Alter grösstenteils von innen kommt, wird sie sich vollkommen ehrlich über deine Cellulite, deine Falten und deine hängenden Brüste äussern. Das kommt dann hammermässig fies und eifersüchtig rüber.
  • Du wirst im besten Fall nur einmal mit deiner Mutter über Sex reden können: bei der Aufklärung. Nie wirst du ihr kichernd über den krummen Riesenpenis von letzter Nacht berichten können. Nie von den peinlichsten Momenten und den wildesten Fantasien. Sie will das nicht hören. Genauso wie du nicht wissen willst, wie sich dein Vater im Bett anstellt oder mit wem er gerade betrogen wird.
  • Deine Mutter ist lieber mit Frauen ihres Alters, ihrer Reife und ihres Interessenkreises eng befreundet, als mit dir.
  • Deine Mutter wird Zeit ihres Lebens versuchen, dich zu erziehen. Wenn du also Scheisse baust, wird sie dich tadeln. Wenn du irgend etwas Unwichtiges gut gemacht hast, wird sie unglaublich stolz auf dich sein. Eine angemessene Reaktion auf dein Handeln kannst du vergessen.
  • Wenn du ein Arschloch heiratest, verlierst du auf einen Schlag alle deine besten Freundinnen. Deine Mutter wird bleiben.
  • Wenn du deiner Mutter stundenlang von deinen Beziehungsproblemen vorjammerst, um ein bisschen abzuladen, wird sie dich beschützen wollen und dem Mann/der Frau einen Schlägertrupp hinterherschicken. Ausserdem wird sie ihm/ihr nie verzeihen, auch wenn du schon lange nicht mehr weißt, worum es eigentlich gegangen ist.
  • Deine Mutter hat als einzige das Recht, dich zu verprügeln, wenn du des Mordes angeklagt wirst. Das enthebt sie dem Status der Freundin. Sie wird jedoch deinen Unschuldsbeteuerungen glauben, auch wenn sie noch so absurd sind. Deine Mutter wird dich trotz allem im Gefängnis besuchen kommen. Als einzige.
  • Wenn es dir einmal so richtig dreckig geht, weil du alles falsch gemacht hast, alles verbockt, alles verloren, dann öffnet dir nur noch deine Mutter die Türe. Nicht weil sie deine Freundin ist und dich versteht, sondern weil sie als Mutter nicht anders kann.
  • Deine Mutter wird immer ein bisschen ein schlechtes Gewissen dir gegenüber haben, das gibt’s gratis bei der Geburt zusammen mit der Liebe. Instinktiv weisst du das und nützt es auch aus.
  • Deine Mutter ist deine Mutter ist deine Mutter ist deine Mutter (frei nach Gertrude Stein)